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    Im Kreuzfeuer #7: Notruf

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Offenbar hatte man auf der Kommandobrücke einen Notruf aus einem Nachbarsystem erhalten, das bereits jenseits des bekannten Universums lag. Für diese Regionen waren die Sternenkarten noch unzuverlässig, aber die Langstreckenscanner erfassten tatsächlich eine Sonne mit sieben Planeten, von denen zwei bewohnbar waren und sogar Leben nach menschlichen Maßstäben ermöglichten. Einer davon war ein grüner Gigant – ein wasserreicher Urwaldplanet, wie man ihn nur selten findet. In dessen Umlaufbahn driftete laut Sensoren das havarierte Raumschiff, welches das Notsignal abgesetzt hatte. Dem zufolge handelte sich es bei den Schiffbrüchigen um eine Expedition von X-Tarma-12, deren Treibstoffreserven zur Neige gegangen waren. Schuld daran sei ein heikles Manöver gewesen, das notwendig geworden sei, um eine Kollision mit einem nicht identifizierten Flugobjekt zu vermeiden. Es sei plötzlich aufgetaucht und habe widererwarten den Kurs des Forschungsschiffs geschnitten.

    Nicht identifiziertes Flugobjekt! Wenn Harry das schon hörte! Das klang jedes Mal, als würde die Menschheit endlich auf außerirdisches Leben stoßen, das eine vergleichbare Intelligenz aufwies – Tiere und Pflanzen hatte man bereits zahlreiche entdeckt, sogar echsenartige Humanoide, die allerdings gerade einmal so schlau waren wie die Affen von der Erde. Doch Begegnungen auf Augenhöhe waren bisher ausgeblieben. Wahrscheinlich hatte auch diesmal nur der Navigator gepennt und es handelte sich um einen Meteoriten, dessen Flugbahn er bei der Programmierung des Kurses längst hätte mit einberechnen sollen. Und jetzt war das Ding schon wieder außer Reichweite der Sensoren, vielleicht weil es hinter dem grünen Giganten verschwunden war, in dessen Umlaufbahn es geraten war. Wie auch immer, es wäre jedenfalls nicht das erste Mal, dass Harry so etwas erlebt hatte, wenn auch selten auf diesem Gefangenentransporter, dessen Captain sich andere Prioritäten als die Erforschung der Leere setzte. Aber auch wenn er andere Prioritäten hatte, war er zu Hilfeleistungen bei einer Havarie verpflichtet. So verlangte es der Raumfahrerkodex.

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    Im Kreuzfeuer #6: Hab keine Angst, mein Kind

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Durch den wissenschaftlichen, technologischen und insbesondere, wie Dr. Cramer vor jüngeren Fachkollegen gern betonte, ethischen Fortschritt war es möglich geworden, die biochemischen Strukturen der Erinnerung im Gehirn eines Probanden zu lokalisieren und sie nicht nur auszulesen, sondern auch umzuschreiben. Erstaunlicherweise hatten sich diese Strukturen jedoch, sofern sie nicht akribisch bereinigt wurden, als äußerst widerspenstig erwiesen.

    „Sofort die Reprogrammierungsprozeduren stoppen und das Subjekt sedieren!“

    „Verstanden!“, rief Dr. Garrett. „Sofortiger Abbruch von Phase 3!“

    „Und führen Sie anschließend weitere Tests durch, deren Ergebnisse Sie mir umgehend als Bericht zukommen lassen. Ich will wissen, in welchem Zustand sich der Erinnerungsapparat von Subjekt CK-T.132 befindet! Notfalls müssen wir es zunächst ohne intakte Neuprogrammierung wiedererwecken. Dann können wir es im Wachzustand beobachten und befragen. Eine äußert ineffektive Methode. Aber was soll’s…“

    „Wird erledigt!“, erklärte Dr. Garrett.

    „Immer nur Pfusch!“, knurrte Dr. Cramer und trat an das Panzerglas heran, das ihn von CK-T.132 trennte. Er verschränkte seine Hände hinter dem Rücken und flüsterte, sodass es das Wiedererweckungsteam nicht hören konnte:

    „Ich werde das nicht dulden und eine Beschwerde an die verantwortlichen Regierungsbehörden richten. Immerhin verdanken wir denen die fehlerhafte QR-212-X. Aber hab keine Angst, mein Kind, wir finden eine Lösung.“

    ***

    Als die Lazarus VII das Sternensystem X-Tarma erreichte, wurde Alarm ausgelöst. Fast augenblicklich berief man Harry und weiteres Sicherheitspersonal von ihren Wachposten ab und stellte ein Einsatzteam zusammen. Wie man den mürrischen Wachmann im Briefing wissen ließ, hatte sich der Captain zu einer Hilfsmission bereit erklärt, genauer: zu einer Bergungsmission. Harry hasste Bergungsmissionen. Denn für gewöhnlich musste man dafür in das Nichts da draußen hinaus. Er bekam noch immer eine Gänsehaut von der Vorstellung, in einem winzigen Shuttle durch die Leere zu fliegen, mit Atemluft für begrenzte Zeit und dicht an dicht gedrängt mit Ärzten, Technikern und anderen Söldnern wie ihn. Dank der Größe der Lazarus VII vergaß er manchmal, dass er sich überhaupt im Weltall befand. Das waren selige Momente!

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    Im Kreuzfeuer #5: Widerstreit von Geist und Körper

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    „Computergenerierte Erinnerungen werden jetzt implantiert.“

    Plötzlich erfassten das Subjekt Krämpfe und es begann sich wild hin und her zu werfen.

    „Was ist los?“, fragte Dr. Cramer.

    „Etwas ist schiefgegangen! Noch weiß ich nicht, was!“, rief Dr. Garrett, während er auf dem Bildschirm einer Steuerungskonsole nach Antworten suchte. Unterdessen nahmen die Schüttelkrämpfe des Subjekts an Intensität zu. Den Biodaten entnahm Dr. Cramer, dass die Gehirnwellen von Subjekt CK-T.132 instabil geworden waren. Im Grunde spielten sie verrückt.

    „Verdammt nochmal!“

    „Da! Ich habe etwas gefunden!“, meldete sich Dr. Garret zurück. „Es scheint so, als würde das Subjekt die neuen Erinnerungen teilweise abstoßen. Noch ist nicht klar, weshalb.“

    „Scannen Sie das Gehirn auf alte Erinnerungen“, ordnete Dr. Cramer an.

    Erinnerungen galten dem Menschen lange Zeit als Beweis der Seele – oder später, als Psychologie und Neurologie fortgeschrittener waren, als unerklärliches Rätsel, das aus dem Widerstreit von Geist und Körper resultierte. Doch letztlich erwiesen sich auch die Erinnerungen schlicht als biochemische Strukturen, die einer gewissen Codierung folgten.

    „Aber die QR-212-X wurde doch schon durchgeführt!“, insistierte Dr. Garrett.

    „Nicht von uns.“

    „Also gut.“ Dr. Garrett führte den Gerhirnscan durch. „Verdammt, Sie liegen richtig! Da sind noch immer Erinnerungen vorhanden. Die QR-212-X muss sie nur unzureichend gelöscht haben. Keiner Wunder, dass die programmierten Erinnerungen abgestoßen werden!“

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    Die Elfe und der Krieger #7: Lang lebe der Tod

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Sehen konnte die Frau die grölende Menge nicht, als man sie an den Pfahl inmitten der aufgebahrten Holzscheite festzurrte. Sehr wohl aber hörte sie die Flüche und Beschimpfungen. Die Menschen wünschten ihr den Tod. Sie wollten sie brennen sehen.

    Offenbar klagte man sie der Verführung eines Priesters an und bezichtigte sie der Hexerei. Ihren Anklägern war sie jedoch nie begegnet, lediglich den Henkern. Erst dem Brüllen der aufgewiegelten Masse entnahm sie, wessen sie angeklagt war, nein, wofür sie hingerichtet werden sollte.

    „Was für ein Irrsinn!“ Die Gedanken der Frau rasten.

    Ihr Körper hing zwar in den Fesseln, wäre ohne sie vor Erschöpfung zu Boden gegangen, doch ihr Kopf arbeitete wie wahnsinnig. Sie war wie in einem grässlichen Rausch gefangen. Ein giftiges Gemisch aus Todesangst und Verzweiflung, das sie verrückt machte.

    Sie kam nicht umhin, sich die Gesichter der Menschen vorzustellen – das machte sie so, seit die Augen, mit denen sie das Licht der Welt erblickte, im Alter von sieben Jahren erblindet waren. Damals waren ihre Pupillen innerhalb weniger Monate zugewachsen. Seither war es, so sagten ihr die anderen, als hätte sie nie welche gehabt.

    Ihre Vorstellungskraft war seitdem aber umso größer geworden. Also imaginierte sie, was sie nicht sehen, aber spüren konnte: die vor Hass feurig leuchtenden Augen und von Schimpf weit aufgerissenen Mäuler der grölenden Masse, ihre gen Himmel gereckten Fäusten und das Gedränge ihrer Körper.

    Waren das dieselben Leute, denen sie vor einem Tag noch Blumen hatte verkaufen wollen? Für die sie jeden Morgen in den Wald jenseits der Stadtmauern gegangen war, wo die Blumen mit den bezauberndsten Düften wuchsen, auf die Lichtungen, wo die Blumen mit schönsten Blüten und prächtigsten Farben gediehen, und auf die Hügel nahe dem Wasser, wo die seltensten und robustesten Sorten zu finden waren? Es mussten dieselben sein!

    Und dennoch hörte, spürte, roch sie jetzt das Feuer, das die Fackeln in den Fäusten der Gardisten zu ihren nackten Füßen entfacht hatten. Der Scheiterhaufen brannte. Bald würde auch sie brennen! Die Hitze stieg rasch zu ihr hinauf und wollte sie durchdringen. Der Rauch hüllte sie ein und wollte sie ersticken.

    Nie hätte sie gedacht, dass sie der Hass so sehr in den Griff nehmen würde wie in diesen letzten Momenten ihres Lebens. Jetzt – mit dem Schmerz im Körper und dem Blutgeschmack im Mund – wünschte sie all den Gesichtern in ihrer Vorstellung ein nicht minder grässliches Ende, als es ihr bevorstand. Ginge es nach ihr, dann sollte die ganze Stadt brennen und in dem kochenden Blut ihrer Bürger ersticken.

    *

    Der Junge in den viel zu großen Stiefeln kannte und fürchtete die Spektakel, die auf dem Vasfjeller Marktpatz abgehalten wurden. Darum vermied er es für gewöhnlich zu weit nach vorn zu geraten, wo er unabsichtlich einen Blick auf die brennenden Frauenleiber erhaschen konnte. Doch heute Abend drängte ihn ein ungutes Gefühl vorwärts und so zwängte er sich durch die skandierende Menge, die sich den Tod der Hexe herbeisehnte, wie um darin all das am eigenen Leibe erfahrene Leid und Unrecht in Rauch aufgehen zu sehen.

    Der Junge hatte keine Ahnung, ob es Hexen wirklich gab. In den Gassen wurde viel gemunkelt. Gesehen oder erlebt hatte er Hexenwerk noch nie, auch wenn die anderen bei jeder Gelegenheit behaupteten, dass etwas nicht mit rechten Dingen zugehe, meist dann, wenn es ihnen nicht in den Kram passte.

    Zwischen den sich umherschiebenden Leibern taten sich Lücken auf, die dem Jungen kurze Blicke auf das lodernde Orange-Gelb des Feuers erlaubten. Ja, da war eine zusammengesunkene Frauengestalt. Und je näher er kam, desto eindringlicher wurde das Gefühl, dass er diese Frau kannte. Aber unmöglich, dass sie es war! Denn wäre sie es, warum war sie dann so verändert? Was hatte man ihr angetan, dass sie so elend aussah?

    Im Grunde kannte der Junge die Antwort. Die Straße hatte ihm genügend Abscheulichkeiten gezeigt, um es zu wissen.

    Dennoch sträubte sich alles in ihm vor der Erkenntnis. Schließlich aber, als er aus der vordersten Reihe hervorbrach und von dem Spieß eines Gardisten zurückgetrieben wurde, war die Wahrheit nicht mehr zu leugnen.

    An dem Pfahl auf dem brennenden Scheiterhaufen hing die immer lächelnde Blumenverkäuferin, nur dass sie nicht mehr lächelte.

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    Die Elfe und der Krieger #6: des Herzogs Nase

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Die Männer mieden die am Boden liegende Frau wie ein Feuer, das im Begriff war, außer Kontrolle zu geraten. Nur einer schritt unbeeindruckt auf sie zu, amüsiert sogar.

    Herzog Ludewig von Benninger hatte dem Prozess ihrer Läuterung auf einer Holzbank sitzend beigewohnt und, während sie schrie und litt, darüber sinniert, wie er sich involvieren wollte. Aufgerafft hatte er sich aber erst, als die Männer von der Frau zurückgewichen waren wie eine aufgescheuchte Hasenbande. Als er vor ihr stehen blieb und auf sie herabblickte, hätte jeder Idiot erkennen können, dass der Herzog ihre Tortur genoss.

    Sie war nicht die erste hier unten und würde nicht die letzte sein. In dem, was ihr widerfuhr, war sie nichts Besonderes. Nein, besonders machte sie etwas anderes. Der Herzog hockte sich vor ihr hin und strich ihr über den kahlen verkrusteten Schädel.

    „Ich fürchte mich nicht vor deinen Flüchen“, flüsterte er ihr zu. „Und weißt du auch warum?“ Er lächelte. „Weil du gar keine Hexe bist.“ Kaum hatte er das gesagt, riss die Frau die Augen auf und ein Zucken ging durch ihren Körper. „Aber ungefährlich bist du deswegen nicht, Herzchen.“ Er lachte leise in sich hinein. „Tragisch, dass du nie erfahren wirst, was du wirklich bist… weswegen dir widerfährt, was dir widerfährt… Noch heute Abend wird es nämlich mit dir zu Ende gehen. So wie mit allen deinesgleichen.“

    Da bäumte sich die Frau auf und spie dem Herzog Blut und Speichel ins Gesicht.

    Benninger blieb ungerührt, schloss nur die Augen. Er hob die Augenbrauen und zückte er ein Stofftaschentuch, um sich das Gesicht abzuwischen. Er ließ sich Zeit. Aber schließlich packte er die vor Erschöpfung schnaufende Frau am Kiefer und richtete sie so weit auf, dass sie ihm in die Augen hätte blicken können. Das milchige Weiß ihrer Augäpfel fesselte den Mann.

    „So viel verschwendete Schönheit!“, sagte er. „Das ist ärgerlich, so ärgerlich…“

    Ihre Mimik war angesichts seiner Worte ausdruckslos, ihr Körper schlaff. In den bleichen Augen der Frau konnte der Herzog nichts lesen. Als wäre ihre Seele selbst blind.

    „Diese Frau“, dachte er, „ist überhaupt kein Mensch.“

    Und in ebendiesem Moment kehrte das Leben, so schien es, in den geschundenen Frauenkörper zurück. Doch war es lediglich noch der Hass, der darin waltete. Er zeigte sich auf den Lippen der Frau, die ein böses Grinsen formten, das bald wie ein Zähnefletschen aussah. Die Armmuskeln spannten und stemmten den Oberkörper hoch. Der Kiefer entglitt Benningers Griff. Das rotverschmierte Zähnefletschen wurde zu einem aufgerissenen Schlund, in dem sich Fäden von Speichel und Blut spannten.

    Die Frau wusste und ahnte nicht, was der Hass sie tun ließ. Nie hatte er sie so weit getrieben. Stets war er in ihren Geist gegen eine gläserne Decke gestoßen, auf dem ihre Vernunft stand und die emporschießenden Flammen betrachtete. Die Tortur jedoch, der die Frau seit einer Nacht und einem Tag ausgesetzt war, hatte das Glas zerborsten und der brennende Hass die Vernunft verschlungen.

    Mit weit aufgerissenem Mund schnellte sie nach vorn und – mit letzter Kraft – biss sie dem Herzog ins Gesicht, verbiss sich in seiner markanten Nase, die jeder kannte, der jemals eine Goldmünze besessen hatte.

    Der Mann schrie auf und packte ihr Gesicht, wollte sie instinktiv fortdrücken. Jetzt verfluchte er sie. Verfluchte seine Männer, die ihm gefälligst zur Hilfe eilen sollten. Angestachelt von seinen Beschimpfungen knüppelten sie auf die Frau ein. Doch es war zu spät. Als sie am Boden lag, beinahe besinnungslos, spuckte sie aus. Nicht weit von ihr lag auf dem Kerkerboden der größte Teil der herzoglichen Nase.

    Benninger hielt sich das Gesicht und heulte: „Packt sie! Schafft mir das Miststück aus den Augen!“

    Die Männer ergriffen die Frau und schleiften sie eine Treppe hinauf ins unstete Licht der Fackeln, die den Vasfjeller Marktplatz erhellten. Das Grölen der Massen schwappte ihnen entgegen.

    *

    Dass er heute Morgen allein im Armenhaus aufgewacht war, hatte den Jungen in den viel zu großen Stiefeln sehr beunruhigt. Und als er deshalb bei den Nachbarbetten im Schlafsaal herumgefragt hatte, ob irgendwer wüsste, wo die Blumenverkäuferin sei, meinte einer gesehen zu haben, wie sie nachts davongeschlichen sei.

    Der Junge wusste, dass die Blumenverkäuferin immer sehr früh aufstand, um erst gegen Mittag wiederzukehren. Ihr Korb war dann meist bis zum Rand mit den schönsten Blumen gefüllt, die einen wundervollen Duft verbreiteten.

    Also wartete er ungeduldig die Mittagszeit ab.

    Aber da sie dann immer noch nicht wiedergekommen war, was hätte der Junge wohl anderes tun können, als wie früher allein aufzubrechen? Die überraschende Einsamkeit weckte das Gefühl des Alleinseins, das er seit jeher kannte, und verschlimmerte es durch das bittere Gefühl des plötzlichen Verlustes. Dem Jungen wurde klar, dass die glückliche Zweisamkeit mit der Blumenverkäuferin sowieso nicht für immer hätte anhalten können. Auch sie hatte ihn letzten Endes verstoßen und jetzt musste er ohne sie zurechtkommen, musste wieder für sich allein sorgen können, indem er seinem Handwerk nachging.

    Und sein Handwerk war das eines Diebes.

    Heute allerdings war der Wurm drin. Denn just in diesem Moment zog der Junge zu kräftig an dem vermaledeiten Knoten, der den Geldbeutel sicherte, vielleicht weil er wegen all seiner Gefühle und Gedanken zu unkonzentriert war. Keine Sekunde später wurde er auch schon gepackt, erst am Handgelenk, dann im Nacken.

    Der ihn packte, war ebenjener Mann, dem er soeben fast den Geldbeutel vom Gürtel losgeknotet hätte. Und jetzt, da sich der Kerl zu ihm herumdreht hatte, stellte der Junge auch noch fest, dass er ihn kannte. Es war einer der noblen Herren, mit denen er vor ein paar Tagen auf dem Marktplatz aneinandergeraten war. Diesmal trug der Mann allerdings weniger auffällige Kleidung, vielleicht, weil er sich unters Volk mischen und unerkannt bleiben wollte.

    „Du schon wieder!“, knurrte der Mann. „Diesmal entkommst du mir nicht, du miese kleine Ratte!“

    Aber der Junge hörte gar nicht zu und fing stattdessen zu zerren und zu zappeln an. „Lass mich los!“, rief er. Wieder flammte die Wut in ihm auf wie eine grässliche fremde Macht.

    Doch der Griff in seinem Nacken war eisern. Schon holte der Mann aus, um ihn ordentlich zu verprügeln, da fing die Menge um sie herum das Rufen an. Alles geriet in noch größere Aufregung als ohnehin und drängte vorwärts. Sie wurden hin und her gestoßen und gegen die Umstehenden gepresst. Der Mann reckte sich jetzt und versuchte zu erkennen, was am Rathaus vor sich ging. Der Junge nutzte den Moment und trat dem Mann mit voller Wucht gegen das Schienbein, woraufhin der übler fluchte, als seine Noblesse erwarten ließ, und den Griff lockerte. Daraufhin tat der Junge, was er in brenzligen Situationen immer tat:

    Er zog den Kopf aus der Schlinge und verschwand in der Menschenmenge.

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