Schlagwort: Phantastik

  • Nyneve, oder Die verborgene Wildnis #3

    Nyneve, oder Die verborgene Wildnis #3

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Würde nur ihr Frontlicht funktionieren! Dann könnte sie wenigstens den Weg vor sich sehen. „Bis was passiert!“, hatte ihr die Mutter früher in den Ohren gelegen. Aber es hatte nichts genützt. Einmal war Janna sogar wegen einer kaputten Fahrradbeleuchtung vor der Polizei geflüchtet. Die hatte sie anhalten wollen, aber Janna war einfach, frech, wie sie war, in eine Seitengasse davongeradelt. Die Erinnerung daran ließ sie schmunzeln. Irgendetwas hatte damals mit der Verkabelung am Dynamo nicht gestimmt. Wie heute auch. So viel war ihr klar. Es wäre auch leicht für sie gewesen, es zu reparieren. Aber Janna hatte sich nicht die Zeit dafür genommen. Stattdessen hatte sie gemalt. Und darauf war sie sogar ein bisschen stolz.

    Vielleicht hätte ich doch außenherum fahren sollen, zweifelte Janna. Egal! Ich folge einfach dem Rücklicht vor mir.

    Das allerdings war immer langsamer geworden und schließlich vor dem Teich angehalten. Es leuchtete auch im Stehen noch, war eines dieser Standlichter, die neuerdings Vorschrift waren. Noch konnte Janna das Wasser nicht sehen. Es war von Bäumen und Büschen verdeckt. Der Mann auf dem Rad, von dem Janna nur die Silhouette sah, konnte es aber. Er stand kerzengerade da und starrte, das Rad zwischen den Beinen, auf den Teich hinaus.

    Janna kam herangerast. Sie hatte ordentlich in die Pedale getreten. Jetzt tat sich das erste Stück des Ufers auf und sie staunte nicht schlecht, als sie erblickte, was der Mann offenbar die ganze Zeit schon beobachtete.

    „Mein Gott, wer badet denn da zu dieser Jahreszeit und um diese Uhrzeit im Teich?“, wunderte sich Janna, als sie die heranwatende, leicht bucklige Gestalt im Wasser sah. „Wer badet überhaupt im Teich? Das ist doch gar nicht erlaubt!“

    Drauf gepfiffen, dachte sie noch.

    Aber da hatte die Gestalt das Ufer schon erreicht und schoss plötzlich auf allen Vieren auf den Radfahrer zu. Das langarmige Ungetüm sprang den Mann mitten aus dem Lauf an und riss ihn einfach um.

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  • Nyneve, oder Die verborgene Wildnis #2

    Nyneve, oder Die verborgene Wildnis #2

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Das Motiv ihres Gemäldes war unmittelbar dem Leben entnommen, ohne aber das Leben bloß nachzuahmen, es dadurch zu verdoppeln und womöglich durch einen ästhetisierten Zwilling zu ersetzen. Es war ein Moment intensiven Schreckens, den Janna mit Unmengen an Farbe in die Leinwand geradezu hineingeklatscht hatte, um dann die Konturen aus dem Meer von Indigo, Purpur und Sumpfgrün hervorzuarbeiten, einem Meer, das tief reichte. Diesen Motiv gewordenen Moment hatte die Malerin selbst erlebt – erleben müssen! Doch heute Abend war es ihr gelungen, seine erschütternde Kraft in die Mittel der Gestaltung zu übertragen und darin zu binden, wie um sich ein für alle Mal davon loszumachen.

    Dieses Jahr würde es klappen! Dieses Jahr würden die Juroren ihr Talent erkennen! Janna durfte nur nicht die Einreichfrist versäumen, so wie im vergangenen Jahr, als sie sich mutlos gefühlt hatte. Die Bewerbung musste diese Woche raus.

    Lächelnd trat Janna in die Pedale.

    Unter den Fahrradreifen knirschte der abschüssige Sandweg. Es ging in eine Senke, an deren tiefsten Stelle sich rechts des Weges der Schreventeich auftun würde, links hingegen eine ausgedehnte Wiese, die sommers zu dieser Zeit noch bevölkert gewesen wäre. Da die Nächte kalt, windig und verregnet geworden waren, so wie es der Herbst an der Ostsee mit sich brachte, lag die Wiese leer und verlassen da.

    Nur wenige Laternen spendeten längs der Sandwege Licht. Spätabends war der Schrevenpark größtenteils stockduster. Normalerweise mied Janna schlecht ausgeleuchtete Orte zu später Stunde. Sie waren ihr unheimlich. Die nächste Laterne leuchtete erst am Café Castillo, das am anderen Ende des Parks lag und längst geschlossen hatte. Janna sah dort eine der zwei Rückleuchten zum Lessingplatz hinausflitzen. In der Ferne glänzten im kalten Licht der Straßenlaternen bereits die feuchten Pflastersteine und grüßten die junge Frau, die sich, wenn sie ehrlich war, im Dunkeln fürchtete. Heute Nacht spürte sie es so deutlich, wie seit langem nicht mehr.

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  • Nyneve, oder Die verborgene Wildnis #1

    Nyneve, oder Die verborgene Wildnis #1

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Janna klapperte auf ihrem Drahtesel über das holprige Kopfsteinpflaster der Schillerstraße. Beschwingt von dem Abend beschloss die Kunststudentin, eine Abkürzung zu nehmen und zwei Radfahrern durch den Schrevenpark zu folgen. Die beiden waren gerade noch holterdiepolter aus der Freiligrathstraße gerattert und hatten, in einigem Abstand zueinander, Jannas Weg gekreuzt. Janna riss kurzerhand den Lenker herum und sauste nach rechts auf den Sandweg, der in das von Bäumen und Sträuchern abgeschirmte Dunkel führte. Ihrem Rad fehlte eine funktionierende Beleuchtung und so schluckte sie die Nacht, als wäre die Frau nie da gewesen.

    Janna passierte ein Verbotsschild, demzufolge das Radfahren im Schrevenpark nicht erlaubt war. Doch sie pfiff drauf.

    Hält sich sowieso niemand dran, dachte sie.

    Allein vor ihr strahlten bereits zwei Rückleuchten in der Dunkelheit. Es waren die beiden Radfahrer, denen sie gefolgt war. Und hinter ihr mochten noch weitere sein. Dabei hätte man den Park leicht umfahren können. Aber viele Radfahrer, die zwischen Universität und Wohnquartier pendelten, nahmen lieber eine Abkürzung und fuhren hindurch.

    So spät sind die meisten schon zuhause, dachte Janna. Bis auf ein paar Nachzügler.

    Heute Nacht gehörte die Kunststudentin auch zu diesen Nachzüglern. Es hatte sich für sie allerdings gelohnt, erst weit nach 23 Uhr aus dem Gemeinschaftsatelier der Kunsthochschule aufzubrechen. An diesem Abend war ihr etwas Herausragendes gelungen, wie sie meinte: ein Gemälde, das sie erstmals zufriedenstellte, ja den Frieden in ihr überhaupt erst herstellte. Deshalb fühlte sie sich beschwingt, fast beschwipst von der Leichtigkeit, die sie überkam. Es schien, als wäre die Welt zum ersten Mal in Ordnung.

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  • Arbeitsjournal, 10. Juli: Nyneve-Sonderserie

    Mit dem gestern erschienenen Fragment Im Kreuzfeuer #13: Untergang sind nun jeweils das erste Kapitel in beiden Fragmente-Serien komplett veröffentlicht, das heißt: Sowohl das Auftakt-Kapitel Lang lebe der Tod des Fantasy-Romans Die Elfe und der Krieger als auch Kapitel 1 Untergang der Sci-Fi-Robinsonade Im Kreuzfeuer können hier nun in Gänze gelesen werden.

    Zeit für ein kleines Päuschen, um den Meilenstein zu feiern?

    Ja, schon, aber das bedeutet nicht, dass es nichts zu lesen gäbe.

    Im Gegenteil: Heute Abend um 16 Uhr startet hier eine kurze, aber sehr besondere Serie. Es geht um die Horror-Erzählung Nyneve, oder: Die verborgene Wildnis, aus der ich vor einigen Wochen auf dem Mondo Grindhouse Festival in Kiel gelesen habe.

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  • Die Elfe und der Krieger #11: Konsequenzen

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Als Sarah zu sich kam und die Augen auftat, blieb es um sie herum dunkel. Daran war nichts ungewöhnlich. Viel ungewöhnlicher war die relative Stille, die sie umgab. Die Welt, die mit der Besinnung wiederkehrte, war zwar nicht verstummt, aber das Grölen der Masse und das Brüllen des Feuers waren dem gleichmäßigen Rauschen des Regens gewichen, die Hitze des Feuers der kühlen Nässe auf ihrer Haut und der erstickende Rauch dem Geruch von Blut und Gedärmen.

    Über all dem lagen unaufhörlich das Stöhnen und Schreien der Verletzten, in das sich das Wehklagen der halbwegs unversehrten Überlebenden mischte, die um ihre Toten trauerten.

    Um zu wissen, dass der Marktplatz völlig zerstört war, musste Sarah nicht sehen können. Hingegen Erich, der neben ihr kniete und seinen Oberkörper für eine verzweifelte Umarmung auf sie geworfen hatte, wünschte, er könnte die Zerstörung ungesehen machen.

    Sarah rappelte sich in eine sitzende Position auf, um Erich, der sie gerettet hatte, fester an sich zu drücken. „Ich bin so froh, dass du lebst!“, sagte er. Da sie nicht gewusst hätte, was sie sonst tun sollte, wiegte sie den schluchzenden Jungen in ihren Armen und säuselte beruhigend, während sie ihr Gesicht in seinen Haaren vergrub.

    Sarah spürte, dass sie zitterte, nicht nur vor Kälte und Erschöpfung, auch von dem Ausmaß der Zerstörung. Sie hätte es verhindern müssen, schon allein wegen Erich. Aber der Hass hatte sie dazu getrieben, es nicht zu tun. Und jetzt war er verschwunden, der Hass, und sie fühlte sich leer und allein ohne ihn. In das Loch, das er gerissen hatte, füllte sich eine tiefe Traurigkeit, so tief, dass sie sich kaum mehr rühren mochte. Angesichts dieser Schwere, die sich auf sie legte, bemerkte Sarah nicht, dass sich etwas zwischen ihr und dem Jungen grundlegend verändert hatte. Erich hingegen schaute aus ihrer Umarmung hervor, mit geweiteten Augen, die von den Schrecken zeugten, die sie erblickten.

    Der Marktplatz war vollständig umgepflügt worden. Lediglich da, wo der Scheiterhaufen gewesen war und sich jetzt Erich und Sarah befanden, lagen die Pflastersteine noch an Ort und Stelle. Alle übrigen waren von der Erde verschluckt worden oder in die zersplitterten Fassaden geschleudert worden, zu deren Füßen die Erde zu Wällen aufgeschoben war, sodass die Häuser nicht mehr durch ihre Eingänge zu betreten waren. Einige Kaufmannshäuser waren an ihrer Vorderseite sogar eingestürzt. Den Balkon des Rathauses gab es nicht mehr. Der Marktplatz sah aus, als wäre darin ein Himmelskörper eingeschlagen. Überall lagen Körper, die halb in der Erde steckten, manche bewegten sich noch, andere nicht. Die wenigsten waren noch vollständig.

    Erich glaubte zu ersticken, als er all das sah. War es seine Wut gewesen, die das angerichtet hatte? War er für diese Zerstörung, dieses Leiden verantwortlich? Er kniff die Augen zu und drückte sich fester an Sarah.

    Seine Nähe rief die Verantwortung zurück in die Gedanken der Frau. Das gab ihr genug Kraft, um die Schwere in ihrem Gemüt vorerst zurückzudrängen. Sie musste sich jetzt auf das Wesentliche konzentrieren, durfte kein zweites Mal scheitern. Darum löste sich Sarah von dem Jungen und kämpfte sich auf ihre zitternden Beine.

    „Komm! Wir müssen gehen, Erich! Hier sind wir nicht sicher!“

    Der Junge klammerte sich an ihre Hand. „Aber wohin sollen wir gehen?“

    „Das sehen wir, wenn wir aus der Stadt heraus sind. Aber jetzt musst du erstmal tapfer sein und mich von hier wegführen, ja? Weil ich nichts sehen kann.“

    „…gut, wenn du es sagst… ich denke, ich kenne auch schon einen Weg hinaus, aber… das wird nicht so leicht, wenn man nichts sehen kann…“

    „Mach dir keine Sorgen um mich! Zusammen finden wir den Weg! Jetzt komm!“

    Der Junge antwortete nicht mehr, stattdessen spürte Sarah den Zug seiner Hand. Und mit einem Mal fiel ihr auf, was zwischen Erich und ihr anders war als zuvor. Dort, wo früher das helle Leuchten seiner Seele gewesen war, war jetzt nichts als Finsternis. Sarah konnte den Jungen, der sie behutsam durch das allgegenwärtige Geschrei und Gewimmer führte, nicht mehr mit ihrem inneren Auge sehen. Diese Erkenntnis erschütterte sie so sehr, dass ihre Beine nachgaben und sie ins Straucheln geriet. Sie wäre gefallen, hätte Erich sie nicht gestützt. Dann aber, als sie aufblickte, sah sie etwas anderes in der Dunkelheit, etwas, das sie an ihre Kindheit erinnerte. Aus dem großen dunklen Raum über ihr segelten unzählige kleine weiße Punkte herab. Wie Schnee sah das für Sarah aus.

    „So viele auf einmal waren es noch nie“, murmelte Erich, der vorausging. Und auch wenn Sarah ahnte, wovon er sprach, fragte sie dennoch nach, um sicher zu gehen.

    „Na, Daunen!“, antwortete der Junge.

    Aber es klang nicht mehr so neugierig und verspielt wie zu Beginn des Abends.

    Ende@Auftakt: Lange lebe der Tod

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