Schlagwort: Phantastik

  • Die Elfe und der Krieger #10: Tu es!

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Als der Junge in den viel zu großen Stiefeln sah, wie das Lächeln der Blumenverkäuferin erlosch und ihr Kopf plötzlich leblos herabhing, gab es kein Halten mehr.

    Zum ersten Mal in seinem Leben schluckte er die Wut nicht hinunter. Zum ersten Mal ließ er ihr freien Lauf, und zwar nicht nur ein bisschen wie vorhin, als er die Beleidigungen der älteren Straßenkinder erwiderte, die ihn dafür verprügeln wollten, auch nicht wie vor ein paar Tagen, als er mit ihren eigenen Mitteln die Arroganz der noblen Herren zurückschlug, die ihn dafür hätten auspeitschen lassen können, nein, diesmal ließ er die Wut ohne Wenn und Aber frei.

    Er stieß das Tor in seinem Inneren weit auf und gab sich ihr hin.

    Ja, endlich sollte die Wut sein dürfen, denn wenn sie endlich wäre, dann würde sie ihm die Kraft verleihen, sich gegen ihren Ursprung aufzulehnen, statt in seinem Inneren zu toben und ihn selbst zu verletzen.

    Die Menschen auf dem Marktplatz wollten die Blumenverkäuferin tot sehen. Sie wollten sehen, wie sie bei lebendigem Leibe verbrannte. Der Junge konnte nicht verstehen, wie irgendwer so etwas wünschen konnte. Und er würde es auch nicht zulassen.

    Nein, diesmal würde er nicht weglaufen oder die Prügel stumm über sich ergehen lassen. Denn diesmal ging es nicht um ihn. Es ging um die einzige Person, die jemals nett zu ihm gewesen war. Die ihn ohne Vorbehalte angelächelt hatte, obwohl er ihr gegenüber anfangs nichts Gutes im Sinn gehabt hatte.

    Wie konnte man den einzigen Menschen verbrennen, der niemandem je etwas zu leide getan hatte, im Gegenteil: der immer nur das Beste für seine Mitmenschen wünschte? Die Blumenverkäuferin hatte nicht viel zu geben, außer ihrem Lächeln und den Blumen, die in den tristen und oft tödlichen Alltag auf den Straßen Vasfjells einen Funken der Schönheit mischten, seltene Momente des Innehaltens und der Freude.

    Nein, diesen Menschen zu verbrennen, war ungerecht.

    Es war falsch.

    Diesmal gab es keinen Zweifel. Er würde dieses Etwas in sich von der Leine lassen. Nicht nur war die eine Person, die ihn immer hatte besänftigen können, im Begriff, auf schreckliche Weise zu sterben, ebendiese Person hatte ihn sogar aufgefordert, sich nicht länger zurückzuhalten.

    Der Junge glaubte, die Stimme der Blumenverkäuferin gehört zu haben, kurz bevor ihr Lächeln und mit ihm ihr Bewusstsein verloschen war. Er glaubte, dass sie zwei Worte gesagt hatte, zwei Worte, die alles veränderten:

    Tu es!

    Die Fäuste des Jungen zitterten. Die Fingernägel schnitten in seine Handflächen. Blut tropfte auf die vibrierenden Pflastersteine zu seinen Füßen.

    Wäre die Masse nicht so in Rage gewesen, sie hätte womöglich noch bemerkt, was ihr bevorstand. Doch als das Wolkengrau einen Spalt breit aufriss und eine blutrote Mondsichel am Abendhimmel zum Vorschein kam, war das magische Fließen, das der Junge geworden war, nicht mehr aufzuhalten.

    Die Wolken am Himmel verdunkelten sich grollend. In ihren Schluchten blitzte ein bizarres Wetterleuchten. Regen setzte ein. Die Winde, die aufkamen, fuhren in die Lumpen, Mäntel und Kleider der Leute auf dem Markplatz, brachen sich an den prunken Fassaden der Kaufmannshäuser und gewannen in den Kreisen, die sie um den Markplatz zogen, zunehmend an Intensität. Schon wurden vereinzelt Girlanden, Blumentöpfe und Dachpfannen in den Himmel fortgerissen. Dann folgten Fensterläden und Fassadenstatuen, die auf die Menschen hinabgeschleudert wurden und diejenigen erschlugen, die nicht rechtzeitig zur Seite sprangen.

    Die edlen Herren auf dem Rathausbalkon mussten sich an der schmiedeeisernen Balustrade festhalten, einigen gelang die Flucht ins Innere, ein anderer stürzte schreiend auf den Markplatz hinab.

    Marktstände zitterten und klapperten, brachen zusammen und wurden fortgeweht. Die Unglücklichen, die den Trümmerteilen im Weg standen, wurden niedergeschlagen, durchbohrt und mitgerissen.

    Dann – mit einem mächtigen Donner, der die Stadt erschütterte – fuhr ein Blitz herab und schlug in dem Jungen mit den viel zu großen Stiefeln ein. Die Menschen in seiner unmittelbaren Nähe stießen Entsetzensschreie aus und, wenn sie nicht bereits von der freigesetzten Kraft weggeschleudert wurden, drängten sie nun von ihm fort, ohne Rücksicht auf die am Boden Liegenden.

    Ein Gardist sprang auf den Jungen zu, der für alle sichtbar keinen Schaden genommen hatte, und in einem Anfall panischer Angst stach er mit seinem Spieß zu. Denn mittlerweile war unverkennbar, dass ebendieser Junge das Auge dieses widernatürlichen Sturms war. Dass er mit der Hexe im Bunde sein musste.

    Der Holzschaft der Langwaffe zerbarst an einer unsichtbaren, vor Elektrizität knisternder Sphäre, die den Jungen einhüllte. Die Augen des Gardisten weiteten sich, er ließ den gebrochenen Schaft fallen und tastete nach dem Schwert an seinem Gürtel.

    Da schrie Junge auf und in diesen Schrei schwang all die aufgestaute Wut mit. So einen Schrei hatte der Gardist noch nie zuvor gehört. Er ging ihm durch Mark und Bein wie ein Todesschrei.

    Plötzlich schien die Zeit wie eingefroren und der Gardist glaubte eine leuchtende Gestalt hinter dem Jungen zu sehen, die über gewaltige Flügel verfügte, Flügel, wie er sie von Schwänen kannte und die zugleich aus wirbelndem Licht bestanden.

    Als ebendiese Flügel sich zusammengezogen, um kurz darauf ihre Spannweite in die schiere Unendlichkeit auszubreiten, dehnte sich mit ihnen auch die nun schimmernde Sphäre, die den Jungen umgab. Gleichgültig, was ihr im Weg war, ob Mensch oder Ding, sie fegte alles hinfort wie eine gewaltige Explosion.

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  • Die Elfe und der Krieger #9: Gegengewalt

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Der Junge in den viel zu großen Stiefeln war bei dem Anblick der Blumenverkäuferin auf dem Scheiterhaufen erstarrt. Er fühlte, dass dies nicht gerecht war. Und dass er es verhindern musste.

    Aber er war machtlos. Vor ihm die Spieße der Gardisten, hinter ihm die drängende Masse. Er ballte die Fäuste wie jedes Mal, wenn ihn die Wut ergriff. Stumme Tränen liefen seine Wangen hinab. Die Fingernägel stachen in seine Handflächen. Unter seinen Stiefeln vibrierten unbemerkt von der tosenden Masse die Pflastersteine. Erdklümpchen begannen zu schweben, Blitze umzuckten die Knöchel seiner Faust.

    Plötzlich spürte er einen Blick und wusste, noch bevor er ihn erwiderte, dass es die Blumenverkäuferin war. Unmöglich konnte sie wissen, dass er hier war. Und doch blickte sie in seine Richtung. Sie lächelte wieder. Lächelte trotz der aufsteigenden Flammen. Trotz der Rauchfahne, die, wenn der Wind drehte, durch sie hindurchfegte und ihr den Atem nahm.

    Ja, der Junge spürte, dass sie ihn sehen konnte. Spürte die unsichtbare Verbindung zwischen ihnen. Dass ihr letztes Lächeln ihm gelten sollte. Es beruhigte ihn, wenigstens für den Moment. Jeden Augenblick jedoch drohten die Flammen auf den Körper der Blumenverkäuferin überzuspringen.  

    *

    Der Junge hatte sie also gefunden. Sein Anblick besänftigte den Hass, führte der Blumenverkäuferin wieder vor Augen, was ihre Rolle in seinem Leben sein musste. Ja, es war tatsächlich sein Anblick, der dies tat, denn von ihrer ersten Begegnung an hatte sie den Jungen in den viel zu großen Stiefeln sehen können. Nicht wie andere ihn sahen, nicht mit den Augen, die den Menschen mit der Geburt gegeben wurden, sondern mit dem inneren Auge, das sich erst im Verlauf des Lebens öffnete, allerdings nur in sehr seltenen und besonderen Fällen wie dem der Blumenverkäuferin. In der Schwärze ihrer Welt war der Junge zu einem Leuchtfeuer geworden, so strahlend, dass sie sich sein Gesicht als einziges nicht vorzustellen brauchte.

    Sie sah es, obwohl sie es nicht sah.

    Und jetzt sah und spürte sie auch wieder die Wut. Sie ragte hinter ihm auf in den wirbelnden Farben von glühenden Kohlen. Sie war eine Gestalt von titanischer Größe und mit in sich verschlungenen Flügeln, die sich in die Unendlichkeit auszubreiten schienen.

    Da begriff die Blumenverkäuferin, was der Junge war, begriff, was sie für ihn war. Dass er das Fließen war, das alles mitreißen würde, und sie das Gefäß, das dem Fließen eine Form gab und es durch die Formung beruhigte. Dass er nicht wusste, nicht einmal ahnte, was er in der Lage war zu tun. Und dass sie ihn davor bewahren musste.

    Vor gestern Nacht hätte sie es noch gekonnt.

    Jetzt aber bemächtigte sich ihrer ein Gedanke oder ein Gefühl, eine tiefe Traurigkeit oder ein Schmerz, gewiss aber eine Dunkelheit, die tief in ihr nistete und flüsterte:

    Das Gefäß, Herzchen, ist zerschlagen.

    Diese Erkenntnis ließ die Blumenverkäuferin alles vergessen und, ehe sie begriff, was sie tat, hatte sie sich schon dem wiederaufgeflammten Hass hingegeben.

    Ihr Lächeln erstarb.

    Denn sie wusste, selbst in dem wahnhaften Rausch, in den sie der Wunsch nach Vergeltung versetzte, dass sie einen Unschuldigen zu ihrem Instrument machte. Doch es war zu spät.

    Statt die Wut des Jungen zu besänftigen und in eine positive Kraft umzuleiten, wie es in den letzten zwei Wochen ihr Wunsch gewesen war, schickte sie ihm einen einzigen hasserfüllten Satz, bevor sie in den sich verdichtenden Rauchschwaden die Besinnung verlor:

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  • Die Elfe und der Krieger #8: Kleine Seele so wütend

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Die Blumenverkäuferin hatte den Jungen in den viel zu großen Stiefeln vom ersten Moment an ins Herz geschlossen. Er machte es ihr auch nicht schwer. Zwar redete er nie viel, bekundete seine Treue und Aufrichtigkeit aber durch Taten. Sie wusste, dass sie in ihm einen Freund gefunden hatte, wie sie ihn lange gesucht hatte. Zugleich war der Junge, der von sich sagte, er heiße Erich, eine noch kleine Seele, die der Fürsorge bedurfte. Jemand musste Verantwortung für ihn übernehmen. Zu keinem anderen Menschen, dem sie auf ihrer langen Wanderschaft begegnet war, hatte sie eine tiefere Verbundenheit empfunden als zu diesem Jungen. Sie wusste einfach, dass sie zueinander gehörten. Vielleicht war er sogar der Grund gewesen, weshalb sie in die weite Welt aufgebrochen war.

    Diese unerwartete Verbundenheit wurde erstmals auf die Probe gestellt, als sich der Junge unabsichtlich Ärger mit ein paar noblen Herren einhandelte, die gerade den Markplatz in Richtung des Rathauses überquerten. Das war auch das erste Mal gewesen, als die Blumenverkäuferin tief in die Seele des Jungen hinabgesehen hatte. Zwar mochte sie im Kindesalter erblindet sein, dafür hatte sich jedoch ihr inneres Auge geöffnet, das ihr Einsichten gewährte, von denen die Sehenden nichts ahnten. Und so sah sie, als sie in die Seele des Jungen blickte, ein äußerst starkes Gefühl, das ihr als wirbelndes Knäuel in der Farbe von glühendem Metall erschien. Es war eine ungeheure Wut, die kaum zu bändigen war. Sie wollte sich Bahn brechen, würde es auch, wenn niemand etwas unternahm.

    „Bettlerkinder wie du sind eine echte Plage“, schimpfte einer der noblen Männer voller Abscheu. „Ungeziefer aus der Gosse“, bestätigte ihn ein anderer.

    „Können eben nicht alle so feine Schnösel sein!“, brauste der Junge auf: „Ich kann nichts dafür, wenn ich keine Eltern habe!“

    Die Männer, vor deren Füße er gestolpert war, verhöhnten ihn nur:

    „Oh, es kann sprechen!“

    Ihr Gelächter hallte weit. Von fern spürte die Blumenverkäuferin, dass etwas im Gange war, und eilte los. Ihr inneres Auge kannte den Weg. Der Junge, der von einem der Männer festgehalten wurde, ballte die Fäuste und ließ seine Wut sprechen, die gegen alle Konventionen verstieß und ihm noch größeren Ärger geradezu einhandeln wollte:

    „Nicht alle haben Eltern, die alles für sie kaufen, so wie Ihr sie hattet! Einen Tag in meinen Stiefeln und Ihr wäret geliefert!“ Er imitierte die affektierte Art der Noblen, wie er sie häufig schon am eigenen Leib erlebt hatte: „Und jetzt geht mir aus den Augen!“

    Wieder erschallte Gelächter, doch nicht alle lachten mit. Der Mann, den der Junge direkt angesprochen hatte, schwieg, indes seine Kameraden riefen: „Ha, Mumm hat der Kleine ja!“

    Unvermittelt ohrfeigte der Mann den Jungen, woraufhin das Gelächter abebbte. Dann packte er ihn am Ohr und zerrte ihn in Richtung einer Gasse fort, wo eine noch viel größere Trachtprügel wartete, wenn nicht sogar Schlimmeres.

    Niemand fasste sich ein Herz. Die Passanten ignorierten den Jungen, der vor Wut und Schmerz schrie. Sie blickten zu Boden und beschleunigten ihre Schritte. Die wenigen Umstehenden wiederum sahen tatenlos zu, manche tuschelten hinter vorgehaltener Hand.

    Ehe der Mann die Gasse erreichen konnte, verstellte ihm eine Frau mit braunen Locken den Weg. An ihrem abgetragenen Kleid erkannte er sie als einfache Frau. Womöglich eine Bettlerin wie dieser schmutzige Junge. Ihre Augen waren seltsamerweise geschlossen und sie lächelte. An ihrem Arm hing ein Korb voller Blumen. Sie reichte ihm eine davon und sagte:

    „Eine Blume für den Herrn?“

    Der Mann war wie ausgewechselt. Er nahm die Blume entgegen und betrachtete sie. Zugleich ließ er von dem Jungen ab, der sich hinter der Frau versteckte und das glühende Ohr rieb.

    „Ist das dein Balg?“, frage der Mann. Seine Stimme klang bereits milder.

    Sie nickte. „Bitte, mein Herr, verzeiht ihm sein Betragen! Er weiß noch nicht, was sich gehört.“

    „Dann solltest du es ihm lehren, Weib! Oder besser: Ich lehre es ihm gleich selbst! So lernst du auch noch etwas dabei!“

    Sie machte einen Schritt auf den Mann zu und legte eine Hand auf seine Brust. Daraufhin beruhigte er sich abermals. Er wirkte irritiert, aber dennoch entspannter.

    „Habt Nachsicht!“, flüsterte sie eindringlich. „So wie es die Siebengötter uns lehren!“

    Der Mann erwiderte nichts, blickte sie bloß an. Die Frau nahm ihm die Blume wieder aus der Hand und steckte sie mit kecker Geste in ein Knopfloch seines Mantels. Dann verabschiedete sie ihn höflich, aber mit Bestimmtheit:

    „Geht nun Eures Weges, mein Herr, und vergesst uns.“

    Der Mann reagierte auf diesen seltsamen Abschiedsgruß mit einem unsicheren Lächeln und einem sehr förmlichen Nicken. Dann wandte er sich ab und schloss zu seinen Kameraden auf, mit denen er im Rathaus verschwand, als wäre nie etwas vorgefallen.

    Die Blumenverkäuferin hockte sich zu dem Jungen und schloss ihn in die Arme. Der rieb sich noch immer das schmerzende Ohr und sagte nichts. Aber das musste er auch nicht. Sie spürte seine Dankbarkeit auch ohne Worte. So wie sie eben noch seine Wut gespürt, sogar gesehen hatte: erst als wirbelndes Knäuel, dann als Gestalt, die hinter dem Jungen aufragte und im Feuerrot der Schmiedeeschen leuchtete.

    Niemand sonst hatte die Wut gesehen, die, wäre die Frau nicht eingeschritten, Magie geworden wäre, äußerst zerstörerische Magie.

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  • Die Elfe und der Krieger #7: Lang lebe der Tod

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Sehen konnte die Frau die grölende Menge nicht, als man sie an den Pfahl inmitten der aufgebahrten Holzscheite festzurrte. Sehr wohl aber hörte sie die Flüche und Beschimpfungen. Die Menschen wünschten ihr den Tod. Sie wollten sie brennen sehen.

    Offenbar klagte man sie der Verführung eines Priesters an und bezichtigte sie der Hexerei. Ihren Anklägern war sie jedoch nie begegnet, lediglich den Henkern. Erst dem Brüllen der aufgewiegelten Masse entnahm sie, wessen sie angeklagt war, nein, wofür sie hingerichtet werden sollte.

    „Was für ein Irrsinn!“ Die Gedanken der Frau rasten.

    Ihr Körper hing zwar in den Fesseln, wäre ohne sie vor Erschöpfung zu Boden gegangen, doch ihr Kopf arbeitete wie wahnsinnig. Sie war wie in einem grässlichen Rausch gefangen. Ein giftiges Gemisch aus Todesangst und Verzweiflung, das sie verrückt machte.

    Sie kam nicht umhin, sich die Gesichter der Menschen vorzustellen – das machte sie so, seit die Augen, mit denen sie das Licht der Welt erblickte, im Alter von sieben Jahren erblindet waren. Damals waren ihre Pupillen innerhalb weniger Monate zugewachsen. Seither war es, so sagten ihr die anderen, als hätte sie nie welche gehabt.

    Ihre Vorstellungskraft war seitdem aber umso größer geworden. Also imaginierte sie, was sie nicht sehen, aber spüren konnte: die vor Hass feurig leuchtenden Augen und von Schimpf weit aufgerissenen Mäuler der grölenden Masse, ihre gen Himmel gereckten Fäusten und das Gedränge ihrer Körper.

    Waren das dieselben Leute, denen sie vor einem Tag noch Blumen hatte verkaufen wollen? Für die sie jeden Morgen in den Wald jenseits der Stadtmauern gegangen war, wo die Blumen mit den bezauberndsten Düften wuchsen, auf die Lichtungen, wo die Blumen mit schönsten Blüten und prächtigsten Farben gediehen, und auf die Hügel nahe dem Wasser, wo die seltensten und robustesten Sorten zu finden waren? Es mussten dieselben sein!

    Und dennoch hörte, spürte, roch sie jetzt das Feuer, das die Fackeln in den Fäusten der Gardisten zu ihren nackten Füßen entfacht hatten. Der Scheiterhaufen brannte. Bald würde auch sie brennen! Die Hitze stieg rasch zu ihr hinauf und wollte sie durchdringen. Der Rauch hüllte sie ein und wollte sie ersticken.

    Nie hätte sie gedacht, dass sie der Hass so sehr in den Griff nehmen würde wie in diesen letzten Momenten ihres Lebens. Jetzt – mit dem Schmerz im Körper und dem Blutgeschmack im Mund – wünschte sie all den Gesichtern in ihrer Vorstellung ein nicht minder grässliches Ende, als es ihr bevorstand. Ginge es nach ihr, dann sollte die ganze Stadt brennen und in dem kochenden Blut ihrer Bürger ersticken.

    *

    Der Junge in den viel zu großen Stiefeln kannte und fürchtete die Spektakel, die auf dem Vasfjeller Marktpatz abgehalten wurden. Darum vermied er es für gewöhnlich zu weit nach vorn zu geraten, wo er unabsichtlich einen Blick auf die brennenden Frauenleiber erhaschen konnte. Doch heute Abend drängte ihn ein ungutes Gefühl vorwärts und so zwängte er sich durch die skandierende Menge, die sich den Tod der Hexe herbeisehnte, wie um darin all das am eigenen Leibe erfahrene Leid und Unrecht in Rauch aufgehen zu sehen.

    Der Junge hatte keine Ahnung, ob es Hexen wirklich gab. In den Gassen wurde viel gemunkelt. Gesehen oder erlebt hatte er Hexenwerk noch nie, auch wenn die anderen bei jeder Gelegenheit behaupteten, dass etwas nicht mit rechten Dingen zugehe, meist dann, wenn es ihnen nicht in den Kram passte.

    Zwischen den sich umherschiebenden Leibern taten sich Lücken auf, die dem Jungen kurze Blicke auf das lodernde Orange-Gelb des Feuers erlaubten. Ja, da war eine zusammengesunkene Frauengestalt. Und je näher er kam, desto eindringlicher wurde das Gefühl, dass er diese Frau kannte. Aber unmöglich, dass sie es war! Denn wäre sie es, warum war sie dann so verändert? Was hatte man ihr angetan, dass sie so elend aussah?

    Im Grunde kannte der Junge die Antwort. Die Straße hatte ihm genügend Abscheulichkeiten gezeigt, um es zu wissen.

    Dennoch sträubte sich alles in ihm vor der Erkenntnis. Schließlich aber, als er aus der vordersten Reihe hervorbrach und von dem Spieß eines Gardisten zurückgetrieben wurde, war die Wahrheit nicht mehr zu leugnen.

    An dem Pfahl auf dem brennenden Scheiterhaufen hing die immer lächelnde Blumenverkäuferin, nur dass sie nicht mehr lächelte.

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  • Die Elfe und der Krieger #6: des Herzogs Nase

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Die Männer mieden die am Boden liegende Frau wie ein Feuer, das im Begriff war, außer Kontrolle zu geraten. Nur einer schritt unbeeindruckt auf sie zu, amüsiert sogar.

    Herzog Ludewig von Benninger hatte dem Prozess ihrer Läuterung auf einer Holzbank sitzend beigewohnt und, während sie schrie und litt, darüber sinniert, wie er sich involvieren wollte. Aufgerafft hatte er sich aber erst, als die Männer von der Frau zurückgewichen waren wie eine aufgescheuchte Hasenbande. Als er vor ihr stehen blieb und auf sie herabblickte, hätte jeder Idiot erkennen können, dass der Herzog ihre Tortur genoss.

    Sie war nicht die erste hier unten und würde nicht die letzte sein. In dem, was ihr widerfuhr, war sie nichts Besonderes. Nein, besonders machte sie etwas anderes. Der Herzog hockte sich vor ihr hin und strich ihr über den kahlen verkrusteten Schädel.

    „Ich fürchte mich nicht vor deinen Flüchen“, flüsterte er ihr zu. „Und weißt du auch warum?“ Er lächelte. „Weil du gar keine Hexe bist.“ Kaum hatte er das gesagt, riss die Frau die Augen auf und ein Zucken ging durch ihren Körper. „Aber ungefährlich bist du deswegen nicht, Herzchen.“ Er lachte leise in sich hinein. „Tragisch, dass du nie erfahren wirst, was du wirklich bist… weswegen dir widerfährt, was dir widerfährt… Noch heute Abend wird es nämlich mit dir zu Ende gehen. So wie mit allen deinesgleichen.“

    Da bäumte sich die Frau auf und spie dem Herzog Blut und Speichel ins Gesicht.

    Benninger blieb ungerührt, schloss nur die Augen. Er hob die Augenbrauen und zückte er ein Stofftaschentuch, um sich das Gesicht abzuwischen. Er ließ sich Zeit. Aber schließlich packte er die vor Erschöpfung schnaufende Frau am Kiefer und richtete sie so weit auf, dass sie ihm in die Augen hätte blicken können. Das milchige Weiß ihrer Augäpfel fesselte den Mann.

    „So viel verschwendete Schönheit!“, sagte er. „Das ist ärgerlich, so ärgerlich…“

    Ihre Mimik war angesichts seiner Worte ausdruckslos, ihr Körper schlaff. In den bleichen Augen der Frau konnte der Herzog nichts lesen. Als wäre ihre Seele selbst blind.

    „Diese Frau“, dachte er, „ist überhaupt kein Mensch.“

    Und in ebendiesem Moment kehrte das Leben, so schien es, in den geschundenen Frauenkörper zurück. Doch war es lediglich noch der Hass, der darin waltete. Er zeigte sich auf den Lippen der Frau, die ein böses Grinsen formten, das bald wie ein Zähnefletschen aussah. Die Armmuskeln spannten und stemmten den Oberkörper hoch. Der Kiefer entglitt Benningers Griff. Das rotverschmierte Zähnefletschen wurde zu einem aufgerissenen Schlund, in dem sich Fäden von Speichel und Blut spannten.

    Die Frau wusste und ahnte nicht, was der Hass sie tun ließ. Nie hatte er sie so weit getrieben. Stets war er in ihren Geist gegen eine gläserne Decke gestoßen, auf dem ihre Vernunft stand und die emporschießenden Flammen betrachtete. Die Tortur jedoch, der die Frau seit einer Nacht und einem Tag ausgesetzt war, hatte das Glas zerborsten und der brennende Hass die Vernunft verschlungen.

    Mit weit aufgerissenem Mund schnellte sie nach vorn und – mit letzter Kraft – biss sie dem Herzog ins Gesicht, verbiss sich in seiner markanten Nase, die jeder kannte, der jemals eine Goldmünze besessen hatte.

    Der Mann schrie auf und packte ihr Gesicht, wollte sie instinktiv fortdrücken. Jetzt verfluchte er sie. Verfluchte seine Männer, die ihm gefälligst zur Hilfe eilen sollten. Angestachelt von seinen Beschimpfungen knüppelten sie auf die Frau ein. Doch es war zu spät. Als sie am Boden lag, beinahe besinnungslos, spuckte sie aus. Nicht weit von ihr lag auf dem Kerkerboden der größte Teil der herzoglichen Nase.

    Benninger hielt sich das Gesicht und heulte: „Packt sie! Schafft mir das Miststück aus den Augen!“

    Die Männer ergriffen die Frau und schleiften sie eine Treppe hinauf ins unstete Licht der Fackeln, die den Vasfjeller Marktplatz erhellten. Das Grölen der Massen schwappte ihnen entgegen.

    *

    Dass er heute Morgen allein im Armenhaus aufgewacht war, hatte den Jungen in den viel zu großen Stiefeln sehr beunruhigt. Und als er deshalb bei den Nachbarbetten im Schlafsaal herumgefragt hatte, ob irgendwer wüsste, wo die Blumenverkäuferin sei, meinte einer gesehen zu haben, wie sie nachts davongeschlichen sei.

    Der Junge wusste, dass die Blumenverkäuferin immer sehr früh aufstand, um erst gegen Mittag wiederzukehren. Ihr Korb war dann meist bis zum Rand mit den schönsten Blumen gefüllt, die einen wundervollen Duft verbreiteten.

    Also wartete er ungeduldig die Mittagszeit ab.

    Aber da sie dann immer noch nicht wiedergekommen war, was hätte der Junge wohl anderes tun können, als wie früher allein aufzubrechen? Die überraschende Einsamkeit weckte das Gefühl des Alleinseins, das er seit jeher kannte, und verschlimmerte es durch das bittere Gefühl des plötzlichen Verlustes. Dem Jungen wurde klar, dass die glückliche Zweisamkeit mit der Blumenverkäuferin sowieso nicht für immer hätte anhalten können. Auch sie hatte ihn letzten Endes verstoßen und jetzt musste er ohne sie zurechtkommen, musste wieder für sich allein sorgen können, indem er seinem Handwerk nachging.

    Und sein Handwerk war das eines Diebes.

    Heute allerdings war der Wurm drin. Denn just in diesem Moment zog der Junge zu kräftig an dem vermaledeiten Knoten, der den Geldbeutel sicherte, vielleicht weil er wegen all seiner Gefühle und Gedanken zu unkonzentriert war. Keine Sekunde später wurde er auch schon gepackt, erst am Handgelenk, dann im Nacken.

    Der ihn packte, war ebenjener Mann, dem er soeben fast den Geldbeutel vom Gürtel losgeknotet hätte. Und jetzt, da sich der Kerl zu ihm herumdreht hatte, stellte der Junge auch noch fest, dass er ihn kannte. Es war einer der noblen Herren, mit denen er vor ein paar Tagen auf dem Marktplatz aneinandergeraten war. Diesmal trug der Mann allerdings weniger auffällige Kleidung, vielleicht, weil er sich unters Volk mischen und unerkannt bleiben wollte.

    „Du schon wieder!“, knurrte der Mann. „Diesmal entkommst du mir nicht, du miese kleine Ratte!“

    Aber der Junge hörte gar nicht zu und fing stattdessen zu zerren und zu zappeln an. „Lass mich los!“, rief er. Wieder flammte die Wut in ihm auf wie eine grässliche fremde Macht.

    Doch der Griff in seinem Nacken war eisern. Schon holte der Mann aus, um ihn ordentlich zu verprügeln, da fing die Menge um sie herum das Rufen an. Alles geriet in noch größere Aufregung als ohnehin und drängte vorwärts. Sie wurden hin und her gestoßen und gegen die Umstehenden gepresst. Der Mann reckte sich jetzt und versuchte zu erkennen, was am Rathaus vor sich ging. Der Junge nutzte den Moment und trat dem Mann mit voller Wucht gegen das Schienbein, woraufhin der übler fluchte, als seine Noblesse erwarten ließ, und den Griff lockerte. Daraufhin tat der Junge, was er in brenzligen Situationen immer tat:

    Er zog den Kopf aus der Schlinge und verschwand in der Menschenmenge.

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