Schlagwort: Phantastik

  • Die Elfe und der Krieger #5: Blumenverkäuferin

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Geldbeutel waren am schwierigsten zu stehlen. Erstens trugen so einen nur wenige leichtfertig am Gürtel. Zweitens waren sie oft fest verknotet. Der Junge in den viel zu großen Stiefeln musste also Acht geben, nicht bemerkt zu werden, und zugleich mit den Fingern geschickt sein, meist mit nur einer Hand, weil alles andere zu auffällig gewesen wäre. Doch in dem Gedränge heute standen seine Chancen gut. An anderen Tagen wäre es unmöglich gewesen, Geldbeutel ohne Messer zu stehlen. Messer hatten allerdings nur einige der älteren Straßenkinder.

    Vor zwei Wochen erst war der Junge erwischt worden, als es ohne Messer versucht hatte. Auf dem Marktplatz war eine blinde Blumenverkäuferin aufgetaucht, die er für ein gutes Opfer gehalten hatte. Also versuchte er sein Glück am helllichten Tage, weil es ihm ungefährlich erschien, zumal selten jemand anhielt, um Blumen aus dem Korb an ihrer Armbeuge zu kaufen. Nur die Siebengötter wissen, wie die Blinde jeden Tag aufs Neue an diese Blumenpracht gelangte.

    Gerade als der Junge ihren Geldbeutel losmachen wollte, tasteten ihre Finger nach dem Säckchen und berührten die seinen. Die zarte Berührung erschreckte den Jungen so sehr, dass er vergaß, wegzulaufen. Aber er erstarrte nicht nur, weil er ertappt worden war, sondern auch, weil ihn lange niemand mehr berührt hatte, und wenn doch, dann war es bloß eine Trachtprügel gewesen. Die Finger der Blumenverkäuferin waren nicht grob und hart, sie waren warm, weich und behutsam.

    Die Frau drehte sich zu ihm herum und, statt eine verärgerte Grimasse zu ziehen, lächelte sie den auf frischer Tat Ertappten an. Ihre Augen waren geschlossen und sie legte den Kopf schief, sodass ihre dicken braunen Locken federten. So wie sie hatte den Jungen noch nie irgendwer angesehen.

    Ihr Strahlen war einzigartig.

    Aber damit nicht genug streichelte sie ihm auch noch über den zerzausten Blondschopf – diese sanfte Berührung elektrisierte ihn – und sagte:

    „Hier, nimm!“

    Der Junge konnte es nicht fassen, aber die Frau, die er eben noch bestehlen wollte, schenkte ihm nun fünf Kupfermünzen, nicht eine einzige wie bisweilen ein gnädiger oder gutgelaunter Passant, nein, gleich fünf auf einmal.

    An jenem Tag war er zu verblüfft gewesen, um sich zu bedanken. Er hatte sich mit den Münzen einfach aus dem Staub gemacht. Außerdem hatte er an jenem Tag zum ersten Mal eine dieser andersweltlichen Daunen gesehen. Sie war plötzlich zwischen den Kupfermünzen in seiner Hand gewesen. Das war dem Jungen so unerklärlich wie die Tatsache, dass die Blumenverkäuferin ihn, obwohl er so vorsichtig gewesen war, erwischt hatte.

    *

    War das zu fassen? Die Hexe verhöhnte ihn! Der Gardist war außer sich. Er holte schon zu einer Ohrfeige mit der nietenbeschlagenen Rückseite seines Handschuhs aus, da sprach die Frau mit einem teuflischen Grinsen auf den Lippen und ihre Stimme troff vor Verachtung: „Ich verfluche dich, du Bastard!“ Die Augen des Mannes weiteten sich, entsetzt wich er vor der Frau zurück. Die anderen Männer ließen ebenfalls von der Frau ab, als wäre sie plötzlich ein Bündel sich windender Giftschlangen. Sie stürzte auf die Handballen und versuchte sich noch hochzustemmen, brach dann aber zusammen.

    *

    Seit dem Tag, an dem der Junge in den viel zu großen Stiefeln die Blumenverkäuferin kennengelernt hatte, behielt er immer ein Auge auf sie. Nicht nur warnte er sie vor den anderen Beutelschneidern, sondern teilte auch seine hart erkämpfte Beute mit ihr, selbst wenn es meist nur essbare Kleinigkeiten wie Äpfel, Brötchen oder Küchlein waren, lose Ware, die handlich war und die er darum leicht unbemerkt von den Marktständen entwenden konnte, obwohl die Händler ihn bereits kannten und jedes Mal aufs Neue zu verscheuchen versuchten.

    Die Blumenverkäuferin lehnte seine Geschenke nie ab, sagte aber immer: „Die Siebengötter wollen bestimmt nicht, dass du stiehlst.“ Und er dachte immer nur: „Dann hätten sie mich nicht arm machen sollen!“ Aber er wollte ihr nicht widersprechen und verschwieg seinen Gedanken.

    In den wenigen Tagen und Nächten der letzten zwei Wochen waren sie dicke Freunde geworden, mehr noch: eine Überlebensgemeinschaft. Die Blumenverkäuferin – Sarah nannte sie sich – war die einzige Person, die dem Jungen je ein Lächeln geschenkt hatte. Überhaupt war das erste, was er über sie gelernt hatte, dass sie immer lächelte. Sogar wenn man sie ignorierte, beschimpfte, anrempelte oder wegen ihrer Blindheit verspottete. Nicht einmal brachte ihr stoisches Lächeln ins Wanken, dass mancher Mann sie mit den Frauen aus dem Hafenviertel verwechselte, stehen blieb und bewundernd ihre Locken befühlte, als dürfte er das ungefragt. Ihre Geduld war schier grenzenlos und ihre Kraft reichte immer noch aus, um die Wut des Jungen zu bändigen, der nicht so schnell verzeihen wollte.

    Dank ihr hatte er ein Dach über dem Kopf, denn zusammen mit ihr durfte er nachts im Armenhaus des Siebengötter-Tempels schlafen, was angesichts der Massen an Armen und Obdachlosen in den Gassen und Straßen von Vasfjell nur wenigen vergönnt war. Sie aber kannte einen der Priester, obwohl sie noch gar nicht lange in der Stadt sein konnte, und der hatte ein gutes Wort für sie eingelegt.

    Und so schlief der Junge nicht mehr auf der Straße, wo er nie sicher sein konnte, wer oder was hinter seinem Rücken lauerte, sondern in der Geborgenheit ihrer wärmenden Umarmung. Zum ersten Mal fühlte der Junge, dass er irgendwo hingehörte. Darum schämte er sich bis auf den heutigen Tag, dass er nicht den Mumm hatte, sich bei der Blumenverkäuferin für den versuchten Diebstahl zu entschuldigen.

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  • Die Elfe und der Krieger #4: Gebrochener Stolz

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Das Kleid war zerrissen, ihr Stolz gebrochen. Alles erschien der Frau dumpf. Selbst der Schmerz, der durch ihren Leib flammte. Die Männer bespuckten und beschimpften sie ein letztes Mal, bevor sie hochgerissen und fortgeschafft wurde. Ihre Beine trugen sie nicht mehr. Nur ihr brennender Hass hinderte sie daran, die Besinnung zu verlieren. Er lauerte auf seine Gelegenheit.

    *

    Der Junge in den viel zu großen Stiefeln schlüpfte zwischen den dichtgedrängten Menschen hindurch. Seine dunklen Augen blickten ungerührt durch die blonden Strähnen, die vor seinem Gesicht wippten. Rufe wurden laut, der Unwillen der Menschen trat zu Tage, Fäuste reckten sich gen Himmel. Gardisten hielten die Meute mit langen Spießen zurück. Ein Pfahl wurde zwischen die Pflastersteine gerammt. Man schaffte Holzscheite herbei und stapelte sie wie für ein Freudenfeuer. Der Junge in der Menge dachte: „Das ist meine Gelegenheit!“, und erleichterte die Umstehenden um die Habseligkeiten an ihrem Gürtel, allem voran um ihre Geldbeutel.

    *

    Die Männer lachten nicht. Wahrhaftiger Ekel erfüllte sie, als sie die Frau hinter sich her schleiften, sie zum Gehen zwangen, obwohl ihre Beine nachgaben, und sie dann vor sich hertrieben, ihr Tritte versetzten und im Nacken packten, um sie weiter voranzubringen. Eine behaarte Hand quetschte ihr Gesicht, nötigte die Frau, ihren Peiniger anzusehen. „Kannst dich glücklich schätzen, dass wir dich nicht steinigen lassen“, raunte der Kerl. „Elendes Hexenpack!“ Ein bleiches Augenpaar erwiderte den Blick des Mannes, ja erwiderte trotz Blindheit. Die Frau knurrte bloß, im Mund der riesige Knebel, der ihr fast den Kiefer ausrenkte. „Willst du etwa reden?“, höhnte der Stadtgardist. „Kann eine wie du überhaupt reden?“ Als er übermütig den Knebel entfernte, wuchs zu seiner Verblüffung ein widerwärtiges Lächeln in dem Frauengesicht, aus dem Hass und Todesgewissheit sprachen.

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  • Die Elfe und der Krieger #3: Spektakel

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Nicht nur die älteren Straßenkinder waren unterwegs, auf allen Wegen und Straßen waren plötzlich aufgeregte Menschen, sie trieben auf dem in der Abenddämmerung schon dunklen Marktplatz zusammen, wo ihre dichtgedrängten Körper dem Jungen in den viel zu großen Stiefeln ein Versteck vor seinen Verfolgern boten. Hier waren die Fassaden am höchsten, Kaufmannshaus reihte sich an Kaufmannshaus, Repräsentation drängte an Repräsentation, dazwischen geklemmt: das Rathaus, vor dem sich die Stadtgardisten versammelten.

    *

    Das Blut lief ihr in die Augen, tropfte von der Nasenspitze. Die Klinge schabte über ihren nunmehr kahlen, brutal geschorenen Kopf. Der Hass war zu einer inneren Gewalt angeschwollen. So gewaltig, dass sie würgen musste. Oder war es der Selbstekel, den die Männer ihr aufzwangen, Männer, die sie entstellten und entweihten, bevor sie sie töten würden? Das Würgen jedenfalls kostete die Frau Atem. Und Atem bedeutete Kraft. Alle Kraft, die sie hatte, musste sie zusammennehmen. Wenn sie einem ihrer Peiniger wenigstens einen Denkzettel mitgeben könnte, den er auf Lebzeiten nicht mehr vergaß. Das würde ihrem Hass gefallen. Ja, wenn sie untergehen musste, flüsterte er, dann sollte sie wenigstens einen von ihnen mitnehmen. Also horchte sie auf den Hass, den sie bis heute Nacht stets heruntergeschluckt hatte. Diesen ungeheuren Hass, der nicht sein durfte. Jetzt machte er sie stark.

    *

    Hohe moosige Häuserwände erhoben sich über die Massen, sperrten das schwindende Licht aus, drängten den Himmel fort. Der Wirt schob den Riegel vor die Tavernentür, Arme langten aus der Dunkelheit der Fenster, begierig die Holzladen zu schließen, Händler warfen rasch die Waren in ihre Körbe, schlossen die Stände, rollten die Decken zusammen, auf denen sie feilboten, und eilten davon. Nur die raffgierigsten und dreistesten unter ihnen witterten in dem Bevorstehenden eine Chance auf außerordentlichen Profit und boten den sich dichter drängenden Massen Speise und Trank aus einem Bauchladen an, den sie für diese Momente angeschafft hatten. Spektakel waren gut fürs Geschäft. Das wussten auch die Herren im edlen Zwirn, die sich auf dem Rathausbalkon versammelten und die beste Aussicht genossen.

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  • Die Elfe und der Krieger #2: Würde

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Ihre Locken, derentwegen man sie vorgestern noch auf dem Marktplatz bewundert hätte, zerrissen über der Messerklinge und bedeckten den kalten Steinboden. Sie verschloss die Augen vor der Schande, schwor sich, mit Würde zu sterben. Denn sterben würde sie, das wusste sie. Die Frage war nur, wie lange es andauern würde. Dennoch wollte sie sich unbeugsam geben. Wie die Ketzerin, zu der man sie gemacht hatte. Doch die Tränen flossen in Strömen unter ihren flatternden Lidern hervor, dahinter das milchige Weiß ihrer pupillenlosen Augen.

    *

    Stiefel zersprengten das Pfützenwasser und es spritzte in alle Richtungen auseinander. Der Junge plumpste vor Schreck auf sein Hinterteil und schon im nächsten Moment kegelte ihn ein plötzliches Gewirr aus Beinen gegen die Gassenwand. „Aus dem Weg, Bettlerkind!“, höhnte eine Jungenstimme. Der Kerl, dem sie gehörte, sah nicht weniger abgerissen aus als der Junge in den viel zu großen Stiefeln. Aber das kannte er ja schon: diese böse Ironie, mit der sich die älteren Straßenkinder über ihn lustig machten. Davon wurde er so wütend! „Deine Mutter ist ein Bettlerkind!“, gab der Junge trotzig zurück und grinste hässlich, obwohl er wusste, dass er wieder nur eine ordentliche Abreibung kassieren würde, wenn er aufbegehrte. Darum machte er sich, kaum war ihm das herausgerutscht, auch schon mit der Daune zwischen den Fingern aus dem Staub.

    *

    Die Männer stießen sie auf die Knie, zwangen sie sich vornüber zu beugen. Stricke schnürte ihre Handgelenke. Die Angst schürte ungeahnte Leibeskräfte. Sie wehrte sich, schrie mit weit aufgerissenen Augen trotz des Knebels in ihrem Mund. Es klang wie das heisere Grollen eines in die Ecke getriebenen Tiers. Ihr halb erstickter Zorn war der Gewalt der Vasfjeller Stadtgardisten nicht gewachsen. Diese Ohnmacht machte sie nur noch rasender. Hass kroch ihre Kehle hoch. Hass, wie sie ihn nie hatte empfinden wollen.

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  • Die Elfe und der Krieger #1: Auftakt

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Auftakt

    Lang lebe der Tod

    Die Stiefel, die für den Jungen, der sie trug, viel zu groß waren, knirschten auf den sandigen Pflastersteinen der Seitengasse. Sie machten Halt vor einer ausgedehnten dunklen Pfütze, deren Wasser die dämmernde Welt, ihre grauen Wolken, die hohen Fassaden und auch das schmutzige Gesicht des Jungen spiegelte. Eine Daune von ungewöhnlich strahlendem Weiß wiegte in der Luft und segelte auf das Schmutzwasser herab.

    *

    In der Tiefe unter den Pflastersteinen, in den Kerkergewölben des Vasjeller Rathauses, die sich bis weit unter die Stadt streckten, fuhren Hände grob in den Haarschopf einer Frau. Ihr Kopf wurde zurückgerissen, sie schrie auf vor Schmerz, ein Messer blitzte im Fackelschein.

    *

    Die weiße Daune wippte auf dem Pfützenwasser wie ein Spiel, das allein für den Jungen in den viel zu großen Stiefeln gemacht war. Er hockte sich hin und streckte den Kopf über die Pfütze, lächelte, als er das gewölbte Weiß mit seinem schmutzigen Finger anstupste und wie ein winziges Boot schaukeln ließ. Die Daune weckte Erinnerungen. „Das ist schon die Dritte!“, flüsterte der Junge und schaute in den Abendhimmel, der sich zugezogen hatte.

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